Als die Frau des Erdbacher Dorfschullehrers die Jungs aus dem Klassenzimmer zum Teppich klopfen abkommandierte

Lang, lang ist's her, die Zeit, in der Habichts Fritz das Zepter in der Erdbacher Schule schwang. Um es vorweg zu sagen, er hat seine Sache gut gemacht. Das wird ihm auch heute noch von Ehemaligen bescheinigt. Doch nun der Reihe nach. Schule1911Der gebürtige »Dillenburger Jung« kam 1947 als Jung­lehrer an die Dorfschule. Er integrierte sich gleich in die Dorfgemeinschaft und war lange Jahre in den örtlichen Ver­einen verantwortlich tätig.

Morgens maßten, nach einem genau festgelegten Plan, zwei Schüler um Viertel vor acht in der Schule erscheinen, um die Glocke zu

läuten. Dabei pas­sierte es öfters, dass man im Übermut durch den von der Glocke erzeugten Schwung mitsamt dem Tau in die Höhe gerissen wurde. Der weite Schall der Glocke weckte man­chen Spätaufsteher, der es dann (ungewaschen) gerade noch schaffte, rechtzeitig zum Unterricht zu erscheinen. Die Schule war in eine Un­ter- und eine Oberstufe einge­teilt. Nach der Pensionierung von Albert Werner im Jahre 1959 wurde Fritz Habicht zum Hauptlehrer befördert. Da­durch hatte ein Jahrgang, dem ich auch angehören durfte, das Glück (ja wirklich!), acht Jahre bei demselben Lehrer die Schulbank zu drücken.

Während des Unterrichts passierte es dann öfters, dass die Ehefrau des Lehrers den Wunsch hatte, sich von einem Schüler den Teppich im Gar­ten klopfen zu lassen. Da wa­ren dann alle Jungs bereit zu helfen. Es war keinesfalls eine Bestrafung, sondern eine Belo­bigung, diese Arbeit tun zu dürfen. Ich habe auch man­chen Teppich »behauen«, so dass er wieder sauber seinen Zweck erfüllen konnte.

Die Omas brachten »Rimmdonge und Kakau«

In der großen Pause fand dann die große Fütterung der hungrigen Schüler statt. Da kamen dann die Mütter und Omas und trugen auf ihren Händen und Unterarmen lan­ge »Rimmdonge mit Quetschehoink« und ein »Käppche Kakau«. Manche waren da richti­ge Balancekünstler. Und bei der Gelegenheit wurde so mancher Dorfklatsch unter­einander gehalten. So eine Art »Nachrichtendienst«, es gab ja noch kein Mitteilungsblatt in der Gemeinde. In Erinnerung ist mir, dass ich einmal dabei war, als es im Rechnen Fünfen zu verteilen gab. Da saß einem die Angst im Nacken, wenn man an das »Gewitter« von zu Hause dachte. Was tun? Da wusste ich Rat. Heute war ja meine Oma im Backes beschäftigt, um leckere Bauernbrote zu backen. Ein Glück! Nach Beendigung der Schule eilte ich zur Oma. Ich beichtete ihr von meinem Malheur. Und Omas fackeln da nicht lange: Sie machte sich sofort mit auf den Weg nach Hause. Nach dem Offnen der Haustüre rief sie laut nach oben: »Änne, schlo mir jo den Jong net!« Damit war ich fürs erste gerettet. Wie gut, dass es Omas gibt!

Feldarbeit statt Spiel

Es waren damals die Jahre, in denen die Landwirtschaft noch in der Blüte war. In je­dem Stall standen mindestens eine Kuh und ein Schwein. Da war noch Handarbeit gefragt. Von wegen Traktor mit Heu­wender und Kartoffel-Setzmaschine! So kam man dann mit­tags von der Schule und hatte sich unterwegs schon mit den anderen Schülern verabredet. Am liebsten wurde im »Ahle«, einem ehemaligen Steinbruch, Fußball gespielt. Oder man spielte in den Steinkammern »Indianer«. Und dann kam es oft knüppeldick. Lag doch da­heim auf dem Küchentisch der Zettel: »Das Essen steht auf dem Herd. Komm nach >Binnjesholz< zum Heumachen!« Aus der Traum vom Fußball­spielen. Da half alles nichts. Zu Fuß ging es kilometerweit mit dem Rechen auf dem Rücken zum angegebenen Ort. Zeit genug, seinen Frust abzu­reagieren, hatte man ja. Im Naturkundeunterricht pflegte unser Lehrer gerne mit der ganzen Klasse einen Spa­ziergang zu machen. So lernte man »Natur pur«. Da wussten die Schüler noch, was ein Bu­schwindröschen oder ein Tau­benkropf-Leimkraut war. Bei solchen Erkundungsgängen wurde gleich auch das einge­übte Morse-Alphabet auspro­biert. Gegenüber auf Berghän­gen stehend wurde sich mit einer Trillerpfeife etwas zugemorst, das dann die andere Seite aufschreiben musste. Ihr Erdbacher, erinnert ihr euch noch?

Fritz, der Skilehrer

Im Winter war samstags Wildfütterung angesagt. Zum Unterrichtsbeginn wurde bei »Daubs Herbert« Wildfutter geholt und in Rucksäcke verstaut. Dann ging's mit Skiern und Schlitten in die Gemar­kung, um die Futterstellen zu versorgen. Dabei lernten wir auch gleich von dem sportli­chen Fritz, was ein Telemarkschwung ist. Durch Spenden konnte die Schule Ende der fünfziger Jah­re Instrumente anschaffen. Ein Xylophon, zwei Glockenspiele, ein Triangel, eine Trommel und diverse Flöten wurden ge­kauft. Mehrere Male im Jahr wurden Eintrittskarten gemalt und gegen ein geringes Entgelt im Dorf angeboten. Die Kon­zerte waren jedesmal ausver­kauft. Und der Lehrer spielte mit der Geige und die Sigrid mit ihrem Schifferklavier dazu. Und dann die Theaterstücke. »Prinzessin auf der Erbse« oder »Die Bremer Stadtmusikan­ten«, sie wurden gut einstu­diert und waren darum auch von Erfolg gekrönt.

Die Erdbacher Kinder mussten 1966 (Oberstufe) sowie 1968 (Grundschule) nach Schönbach gehen, da die eige­ne Schule der Reform zum Op­fer fiel. Fritz Habicht hatte da sicherlich Lunte gerochen, setzte er sich doch bereits 1963 nach Oberscheld ab und war dort bis zu seiner Pensionie­rung als Rektor angestellt. Eine schöne Zeit damals in der Dorfschule in Erdbach, die sicherlich viele nicht missen möchten.

Quelle: Zeitungsgruppe Lahn Dill, Autor: Gerd Werner, Erdbach